Beschreibung
So geht autofiktionale Literatur. So schreibt man/frau ein Memoir. So wird die eigene Geschichte zu Literatur. Anne Berest hat es mit »Die Postkarte« schon einmal getan. Die Geschichte der Mutter, ein Juwel. »Vatertage«, die Geschichte des Vaters, ist weit entfernt davon, als copy/paste-Variante an den Erfolg von »Die Postkarte« anknüpfen zu wollen. »Vatertage« ist nur schon formal ein Ereignis: in kurzen und Kürzestkapiteln schafft Anne Berest einen Echoraum, in dem die Leben des Urgrossvaters, des Grossvaters, im Leben des Vaters widerhallen; um diese Leben herum erzählt die 1979 in Paris geborene Autorin eine Geschichte der Bretagne, der Bretoninnen und Bretonen, widerständig und mit Haltung, ihre Rechte einfordernd, ohne zu katzbuckeln oder mit der Macht zu fraternisieren. »Vatertage« atmet im Rhythmus der Gezeiten am Atlantik die Schönheit und den Schmerz vom Werden und Vergehen, von Leben und Tod.
Annie Ernaux hat mit »Die Jahre« ein autofiktionales Werk geschrieben, Anne Berests »Vatertage« und »Die Postkarte« hieven dieses meist banale Genre in gänzlich neue Höhen. Statt »ich, ich, ich« zu sagen, schreibt sie empathisch, klug, mitreissend Familiengeschichte in die Geschichte eines Landes, einer Landschaft, einer Mentalität ein. Ich muss nicht speziell betonen, dass »Vatertage« mir vom Schönsten geschenkt hat, was Literatur zu schenken imstande ist: Zuversicht, Glück, Atem und die Gewissheit, dass es heute nur heute gibt.
Unbedingte Leseempfehlung.
